FAZIT: Technik besteht Härtetest

Auf dem Weg durch Marokkos Atlas und Sahara haben wir die bis 45 km/h schnellen Snaky-Pedelecs samt Solaranhänger 3 Wochen lang auf eine harte Probe gestellt: in der Stadt, im Gebirge, auf der Ebene. Geländepassagen über Piste, schroffere Cross Country Trails und Sand gehörten ebenso dazu wie ein (ungeplanter) Salzwassertest am Meer.

Nach insgesamt rund 2000 Kilometern (mit beiden Pedelecs zusammen) können wir sagen: die Technik hat sich unter härtesten Bedingungen ohne größere Probleme bewährt. E-Radeln mit Solartechnik funktioniert. Das haben Pioniere auch schon vor uns bewiesen. Unsere Tour war ein Experiment mit einem konkreten Nutzen: Die Technik in Vorserie zu testen um eventuelle Probleme vor der Markteinführung auszumerzen. Und um die Freude an neuer Mobilität zu transportieren, die jeder in seinen urbanen Alltag oder seine Freizeitaktivitäten im Grünen integrieren kann.

GO SwissDrive und Snaky auf Hollywood-Kurs

Nicht nur Hollywood hat sich den westlich wirkenden und doch arabisch geprägten Ort Ouarzazate auf der Südseite des Hohen Atlas als Schauplatz für zahlreiche Filmproduktionen ausgesucht. Die spektakuläre Kulisse, eine Art Delta aus Gebirge, Canyons und Wüste, war für uns ein idealer Ausgangspunkt zunächst die Snakys auf einer mehrtägigen Tour nach Süden zu testen und anschließend mit Solaranhänger nach Südwesten Richtung Atlantik zu fahren. (Mehr zur Strecke)

Die beiden Hardtail Mountainbikes mit dem in Deutschland entwickelten und in der Schweiz produzierten GO SwissDrive Antrieb waren die ersten Prototypen der Marke „Snaky“. Sie haben sich während der Tour de Sahara als ausgezeichnete Reisegefährte erwiesen – zuverlässig, stabil und leichtläufig. Der Motor zeigte besonders an den Bergetappen und im Gelände sein Können. Selbst an 14 prozentigen Anstiegen zog er uns unter Mittreten mit über 100kg Last, auf schlechtem Asphalt und bei Gegenwind immerhin noch mit etwa 10 km/h bergauf. Selbst unter dieser hohen Belastung entstand kaum Wärme. In schwierigerem Gelände fiel beim Spiel mit Pedalen, Bremsen und Gängen besonders auf, dass der Antrieb prompt und in absoluter Harmonie mit der Muskelkraft einsetzt. Nicht ein einziges Mal hatten wir das Gefühl, die Kontrolle über das Rad zu verlieren was im Gelände schnell passiert wenn der Motor verzögert ein- oder aussetzt.

 

Solaranhänger liefert Strom

Die von der Firma Altec speziell für die Tour de Sahara entwickelten Solaranhänger lieferten mit je etwa 1,5 Quadratmetern Solarfläche 50-70% des Stroms den wir für die etwa 600km lange Strecke von Ouarzazate nach Guelmim benötigten. Bei nicht optimalem Sonneneinfallwinkel luden die kleinen, leichten mVelo Reiseladegeräte der Berliner Firma Sunload mit rund 45 Watt. Somit brauchten unsere 572Wh Lithium-Eisen-Phosphat Batterien (16Ah, 36V) weit über 10 Stunden für eine volle Ladung. Den Rest luden wir über Nacht an der Steckdose auf, wo wir ebenfalls die gleichen Multifunktions-Ladegeräte verwendeten.

Die Last des Hängers von ca. 45kg Eigengewicht, plus 16kg Batterien, plus 12kg Ersatzmotoren in den Radnaben des Hängers (in Sebastians Fall), plus ca. 28kg Gepäck war am Berg deutlich zu spüren und verlangsamte die Geschwindigkeit auf steilen Etappen auf etwa 10km/h. Bergab schafften wir bis zu 60 km/h. Die leichtläufigen Hänger lagen dabei weitgehend ruhig auf der Straße. Der mit Ballonreifen gefederte Hänger überstand auch die schnellen Downhills ohne Probleme. Sebastians Hänger mit den Ersatzmotoren war mit den Schwalbe Marathon Extreme Reifen ausgestattet um im Fall eines Motorausfalls einfach das komplette Rad wechseln zu können. Wir vermuten, dass aufgrund der geringeren Federung eine Schweißnaht der Belastung nicht stand hielt. Am Fahrrad selbst machten die Marathon Reifen ihrem Namen alle Ehre. Selbst sandigen Untergrund meisterten sie mit Gripp.

Für die einfach zu handhabenden Kupplungen der Weber Technik GmbH, die eigentlich auf 80 kg ausgelegt sind, waren die über 100kg Hängergewicht kein Problem.

Unsere Erfahrungen in Marokko zeigten: Der Einsatz eines Solaranhängers in flachem Terrain ohne zuverlässige anderweitige Stromversorgung ist ein Gewinn an Reichweite und Unabhängigkeit. Fürs Hochgebirge war der Hänger jedoch nicht gedacht sondern vielmehr für ebene, gute Asphaltstraßen nach Süden (wie die ursprünglich geplante Tour durch Ägypten verlaufen wäre). In den Bergen ging unter den gegebenen Voraussetzungen der Bonus des E-Antriebs durch das Gewicht des Hänger verloren.

Altec arbeitet bereits an einer neuen Hängergeneration, die deutlich leichter wird und damit auch in bergigen Gegenden ohne ausreichende Stromversorgung gut eigesetzt werden kann. Durch flexible Solarzellen, nur 2 Akkus und ohne Ersatzmotoren sollte das Gewicht auf 22kg zu reduzieren sein.
Gewicht hin oder her, mit den Solaranhängern war uns jedenfalls überall die Aufmerksamkeit der Einheimischen und Reisenden gewiss!

 

Reichweite bis 90km

Reichweiten sind immer sehr individuell. Sie hängen unmittelbar mit dem Terrain und anderen Fahrbedingungen wie Windverhältnissen, Zuladung etc. zusammen. Nicht zuletzt ist die Motorunterstützung entscheidend. Wir fuhren meistens mit halber Motorkraft um auf langen Tagesetappen mit Batterie bis ans Ziel zu kommen. Gelang dies einmal nicht, wurde uns jäh klar wie mühsam das Fahren ist wenn man sich einmal an mindestens die doppelte Wattzahl gewöhnt hat.
Mit einer vollen 572Wh Batterie – ein 6,3 kg schwerer Klotz – schafften wir mit Solarhänger etwa 50km mit halber (völlig ausreichender) Motorkraft. Davon ging es ca. 10 km bergauf. Ohne Anhänger brachte uns derselbe Akku bei 25 km bergauf 90 km weit.

 

Ideale Reisegefährte(n)

Das tolle an S-Pedelecs: Sie erweitern den Aktionsradius enorm. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Trekkingrad waren wir mit den Snaky S-Pedelecs im Schnitt 8-10 km/h schneller bei einer Reisegeschwindigkeit von um die 30 km/h (auf mehr oder weniger ebenem Terrain). Strecken von 150 – 200 km pro Tag sind (ohne zu viele Fotopausen) durchaus machbar. Beim Anfahren und auf Bergetappen mit viel Gepäck erleichtert einem der Antrieb enorm das Leben! Damit macht ein S-Pedelec sein zusätzliches Gewicht allemal wett (in unserem Fall ca. 12kg)

Nicht zur für Trekking sondern auch im urbanen Bereich haben die Snaky Pedelecs mit dem GO SwissDrive Antrieb sehr viel Spaß gemacht. In den Millionenstädten Casablanca, Marrakesch und Rabat konnten wir im Verkehr nicht nur mitschwimmen sondern gewannen regelmäßig Ampelsprints selbst gegen Autos und Motorroller.

 

Bewährt

Als gute und formschöne Radreise-Ausstattung haben sich auch die Packtaschen von Ortlieb erwiesen. Sie boten nicht nur viel Stauraum sondern schützten Gepäck und Fahrbatterie zuverlässig vor Sand und selbst vor Meerwasser. Regenerfahrung konnten wir in Marokko keine sammeln …

Phantastisch ist das Tragegestell des Ortlieb AirFlex 11Radrucksacks, in dem ich 13″ Laptop und Nikon D700 Kamera tagelang ohne Schulterschmerzen transportierte. Als Ergänzung zu Satteltaschen oder für Tagestouren ist der handliche, leichte Rucksack prima. Dinge, die man schnell zur Hand haben möchte sind in der wasserdichten Lenkertasche gut untergebracht. Daran lässt sich in einer speziellen Hülle auch eine Reisekarte immer sichtbar verstauen.

Die Vision Four Stirnlampen von Hope mit sehr leistungsfähigen Varta-Akkus waren heller als die Autos auf Marokkos Straßen. Vier Helligkeitsstufen sind auch für den nächtlichen Geländeeinsatz ausreichend.

Für all diejenigen, die „ihr Gehirn lieben“ bieten die Nutcase Helme nicht nur einen Kopfschutz sondern auch einen Blickfang.

 

Ganz nah dran

Aus dem Auto zu steigen empfanden wir besonders in den ärmeren Gebieten Zentralmarokkos als unangenehm, da einem sofort der Stempel des reichen West-Touristen anhaftet. Saßen wir dagegen verschwitzt und staubig (aber glücklich!) auf dem Rad, hatten wir zu den Einheimischen einen viel direkteren Zugang. Die Solaranhänger machten uns zur Sensation. Immer wieder wurden wir angehalten, fotografiert, ausgefragt und hätten die Snakys samt Hänger mehrmals verkaufen können. So auch dem Vizepräsidenten der Region Akka in Zentralmarokko, der uns die marokkanische Gastfreundschaft in vollen Zügen entgegenbrachte. Ein kopfschüttelndes „Crazy Germans“ war eine eher seltene Reaktion.

26. April 2011 von Susanne Brüsch
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