Streifzug durch das Leben Zentralmarokkos

Der Tag beginnt mit französischen Frühstück im Hotel La Rennaisance. Ein großzügiger Bau mit farbenfrohen Laternen und bunt im arabischen Stil gekachelten Wänden. Die Zimmer sind einfach. Auf der Terasse zusammen mit in kurzen Hosen und Trägershirt gekleideten Touristen, die sich übers iPhone mit Musik beschallen lassen, fühlen wir uns seltsam fernab vom wirklichen Leben in Tata. Höchste Zeit, für einen kurzen Stadtbummel bevor wir Richtung Akka aufbrechen. Viele kleine Restaurants die Tagine und andere traditionelle Leckerbissen anbieten säumen die belebte Hauptstrasse genau so wie kleine Läden, die bis in den letzten Winkel mit Konserven, CocaCola, einheimischem Tee, Gebäck und Getränken vollgestopft sind. Händler, die Gewürze aus großen Säcken anbieten, oder Kleidung und Schuhe, vermutlich made in China. Dazwischen bieten mehrere Intenetcafés mit Pulten und PCs der frühen Generation Internetzugang an.

Auf der Straße scharen sich die Menschen in Kreisen, halten Schilder in die Höhe und rufen in Sprechchören ihre Forderungen – nach Arbeit, wie wir uns sagen lassen. Es geht friedlich zu, Polizei ist kaum zu sehen.

Nach Akka sind es 60 Kilometer durch felsige Wüstenlandschaft – eine einzigartige Mischung aus Berg- und Sandwelten wo Atlas und Sahara aufeinander treffen.

In Akka, dem ehemaligen Handelszentrum Südmarokkos und ein obligatorischer Stopp jeder Handelskarawane treffen wir den Vizepräsidenten der Region, Boujemar Tadoumannt. Er hatte uns vor ein paar Tagen mitten auf der Straße angehalten und wollte mehr über die Solartechnik wissen. Wahrscheinlich hätten wir ihm schon mitten auf der Straße irgendwo im Niemandsland die Solarzellen samt Elektrorad verkaufen können. Wir folgen seiner Einladung nach Akka, wo er für den Aufbau städtischer und touistischer Infrastruktur zuständig ist. In seinen Verantwortungsbereich fallen auch die umliegenden Regionen Tata, Guelmim, Tantan.

Mit großem Interesse lässt er sich alles zeigen – Snaky, die Solarzellen, die Batterien, die Ladegeräte. Er will genau wissen wie alles funktioniert. Fotos willkommen. Nebenbei zeigt er uns Versteinerungen aus der Region – 3000 Jahre alte Fossilfunde.

Im Zentrum des beschaulichen Örtchens nahe der algerischen Grenze führt er uns in ein Café ganz im einheimischen Stil: Hinter dem Tresen mit großer CocaCola Werbung, bietet ein freundlich lächelnder, einzahniger Mann Chubs, französischen Schmelzkäse, Konserven, Nescafé, Aprikosenmarmelade, Fischdosen und Süßgebäck im westlichen Stil an und was sich sonst noch alles in den vollen Regalen hinter ihm anfindet. Der Raum ist mit schönen grau-blau gemusterten Kacheln ausgekleidet und mit einfachen Plastiktischen bestückt um die abgenutzte Metallstühle stehen. An der Wand hängt neben dem Bild des Königs Mohammed V ein Poster, das in 8 Schritten zeigt, wie man richtig betet und die Hände wäscht. Den obligatorischen Fernseher natürlich nicht zu vergessen. Zum Mittag gibt es gebratenes Ei, Kartoffelgemüse und Salat aus Tomaten, Zwiebeln und Olivenöl. Und natürlich Chubs (einheimisches Fladenbrot) dazu.

In völlig entschleunigter Atmosphäre sitzen hier die Bewohner bei 20°C in Pullover und Jacken, manche sogar mit Mützen. Sie sind 50 Grad im Sommer gewöhnt. Was sich für uns schon mehr als frühlingshaft anfühlt ist hier Winter.

Im einem Renault Kangoo, der offensichtlich schon eingige Kilometer jenseits befestigter Straßen hinter sich hat bekommen wir eine Führung zur angeblich größten Palmenoase Südmarokkos. Im August werden hier direkt bei Akka tonnenweise Datteln geerntet. Die süßen Früchte sind getrocknet ein Hauptnahrungsmittel der Einheimischen. Die Region Akka ist angeblich eines der größten Grundwasser-Reservate in Nord-Afrika.

Als Stätte von archäologischer Bedeutung gibt es in Akka ein Museum mit Funden aus der Steinzeit. Mit Stolz führt uns unser galanter Gastgeber die Schätze vor genau so wie den Propeller eines abgeschossenen algerischen Militärflugzeugs vor dem Museum.

Anschließend führt uns der Gentleman, der offensichtlich bei allen bekannt und geschätzt ist in seinen Heimatort naha Akka. Nach marokkanischer Tradition werden wir mit Eau de Toilette „getauft“, die 0,5 Liter Flasche findet anschließend ihren Platz auf dem kleinen Esstisch in der Mitte eines mit Teppichen ausgelegten, ansonsten bis auf den Fernseher leeren Raumes. Mit Datteln, Sauermilch und Wasser hält er den Brauch höchster Gastfreundschaft ab. Dazu gibt es Nüsse.

Übernachten dürfen wir im Gästehaus der Familie. Zwei große Salons sind für 200 Leute ausgelegt. Schlafzimmer sind reichlich vorhanden. Die Snakys „schlafen“ im Salon und bekommen Gesellschaft vom Mountainbike des 70-jährigen Familienangehörigen Abdallah Dounkhar. Vorsichtig lehnt er es an die Pedelecs …
Nur mit dem Strom hat das Haus so seine Probleme. Keine Fenster zum Schutz vor der sommerlichen Hitze. Aber das Licht funktioniert auch nicht. Kein Wunder, das Mr. Tadoumannt an Solartechnik interessiert ist!

An diesem Abend findet eine Hochzeit im Ort statt zu der uns unser Gastgeber mitnimmt. Die große Familienfeier war schon vor drei Tagen, heute ziehen die jungen Frauen trommelnd, singend und tanzend durch den Ort, holen die Braut am Hause ihrer Eltern ab und bringen sie zum Haus des Bräutigams.Mit vorsichtiger Zurückhaltung folge ich der lustigen Gesellschaft mit der Kamera bis immer mehr Mädchen vor der Linse posieren. Andere dagegen wollen nicht fotografiert werden.

Sie bleiben stehen, bilden einen Kreis und tanzen voller Enthusiasmus, ausgelassen. Die Brüder folgen und beobachten das Geschehen mit eher skeptischen Blicken vom Rande des Geschehens. Die meisten Mädchen tragen einen traditionellen Umhang mit Kopfbedeckung. ….. zieht ihren Umhang aus und gibt ihn mir. Ich solle ihn mal anziehen und mich als eine von ihnen fühlen. Als sie den Schleier abnimmt kommen wunderschöne lange Haare zum Vorschein, große Ohrringe und das bisher von buntem Stoff umrandete Gesicht entfaltet seine ganze Schönheit. Wir tanzen …

 

Fahrdaten:
Strecke: Tata > Akka
Gefahrene Kilometer: 69
Durchschnittsgeschwindigkeit: 29,5 km/h
Akkus: 16Ah

07. März 2011 von Susanne Brüsch
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